Die Sage vom Lichtenstein

 

Heut lasst mir kündend sagen
aus längst verschwundener Zeit,
was einst sich zugetragen
an Freude, Glück und Leid.
Dort wo heut grüne Weiden,
zog einst durch dunklen Tann,
in jenen alten Zeiten
ein rüstger Jägersmann.
Er folgt des Bächleins Pfade,
das munter plätschernd fließt,
hin zu des Felsens Grate,
der ferne freundlich grüßt.
Bald ist er denn erstiegen,
weit schweift der Blick das Tal entlang,
bis tief im Grund zu seinen Füßen
er Ruhe fand auf Mooses Bank,
um nach dem langen Jagen,
zu stillen Hungers Not,
den müden Laib zu laben
am kargen Bissen Brot.
So freut er sich des Morgens,
der flammend ihn umloht,
nicht ahnend, dass verborgen,
so nahe harrt der Tod.
Denn sieh, aus des Felsens klaffenden Grund,
über Mooses weiche Kissen,
eine Schlange sich windet
mit gierigem Schlund,
zu haschen des Brotes Bissen.
Und seines Herzens Kammer
ergreifts mit kalten Wehn,
befreit von Leid und Jammer,
blieb das Lebensuhrwerk stehn.
Sein Kopf sank ihm hernieder.
das Mahl entfiel der Hand,
rasch durch die müden Glieder
des Lebens Hauch entschwand.
Und als in Waldes Buchen,
der Sonne Strahl versank,
man nach viel langem Suchen
den stillen Schläfer fand.
Sein Antlitz überstrahlet
des Tages letztes Rot.
Sein Leben galt dem Wirken,
der Pflicht bis in den Tod.
Willst du noch einmal schauen
das Wunder dieser Mär,
zieh hin durch grüne Auen,
zur Kirche Pforten her.
Dort kannst du noch erblicken
ein wuchtig steinern Mal,
dem Jägersmann gewidmet
am Ziele seiner Bahn.
So ward dem Greis beschieden
nach Lebens Müh und Pein,
des Todes stiller Frieden
am Felsen „Lichtenstein“.
Herbert Felgner, Goßberg, 1930er Jahre

Die Sage vom Lichtenstein

Lichtenstein 2
09661 Striegistal