Die Sage vom bösen Seidelmann

Am Markt in Chemnitz, links vom „Römischen Kaiser“, stand ein stattliches altes Eckhaus. Sonderbarerweise waren aber fast alle Fenster, die auf die enge Bretgasse hinaus gerichtet waren, zugemauert. Die Ursache dafür wird uns in folgender Sage überliefert:
In diesem Haus lebte früher der Advokat/Rechtsanwalt Seidelmann. Er hatte in der Stadt Chemnitz ein gewichtiges Wort zu sprechen. Doch wenn er raten und helfen sollte, ging es bei ihm nicht nach Recht und Unrecht. Die Goldgulden der Reichen waren ihm viel lieber als die Groschen der Armen. Oft brachte er letztere noch um ihr Hab und Gut. Als er starb, folgte ihm der Fluch der Armen, die er vielfältig betrogen hatte.
Und so gab es schon beim Begräbnis einen Zwischenfall. Als die Träger mit dem Sarg durch die Haustür schritten, hörten sie eine Stimme laut höhnen und spotten. Erschrocken wandten sie den Kopf. Da schaute grinsend aus dem Fenster des Obergeschosses Seidelmann im Schlafrock und in Zipfelmütze heraus. Erschrocken ließen die Träger den Sarg fallen, der Deckel sprang auf – doch der Tote lag kalt und steif darinnen. Der Spuk am Fenster war im gleichen Augenblick verschwunden.
Seidelmann wurde begraben. Doch sein Geist fand keine Ruhe. Immer wieder erblickten Vorübergehende zu nächtlicher Stunde sein höhnisch grinsendes Gesicht am Fenster. Maurer mussten seinen Ausguck auf die Bretgasse zusetzen. Aber im Haus gab es trotzdem keine Ruhe. Jede Nacht hörte man es rumoren und poltern. Da wurde der Stadtpfarrer bemüht. In einer feierlichen Handlung befahl er dem bösen Geist aus dem Haus und aus der Stadt zu ziehen.
Aber unter der alten Nikolaibrücke trieb der Geist auch weiterhin sein Unwesen und hat noch manchen Menschen erschreckt und ihm Schaden zugefügt. Mehrmals wurden an dieser Stelle Tote aus dem Fluss gezogen. Dann hieß es: „Der Seidelmann hat sie ins Wasser gelockt.“
Da beschwor man den Geist wiederum. Man bannte ihn in das Waldstück „Sechs Ruthen“ in Glösa. Dort soll er sich in der Seidelmannhöhle verborgen halten und Spaziergänger durch gellende Rufe erschrecken. Man will auch den Seidelmann als riesengroßen Mann in Gestalt eines Bauern oder Försters gesehen haben, der jedem mit Zank und Streit begegnete.