Die steinernen Köpfe vom Niedertor

 

Am oberen Schlossberg stand vor vielen, vielen Jahren ein gar stattliches Haus. Man sah ihm an, dass es einem reichen Kaufherren gehörte, denn es war von Grund auf aus festem Stein gebaut, hatte große Fenster mit vielen bunten Butzenscheiben und war mit roten Ziegeln gedeckt. Ein Erker mit reichem Schnitzwerk und lustiger Malerei an den Wänden sowie einem schlanken Türmchen als Zierde erhöhten den Eindruck der Wohlhabenheit.
Dort, in der Fensternische des Erkers, saß täglich eine liebliche Jungfrau an ihrem Spinnrad und ließ sich von den Strahlen der Nachmittagssonne den Flachs vergolden, den sie spann. An warmen Tagen hatte sie das Fenster geöffnet; dann konnte man wohl ihr fein geschnittenes Gesicht, das lang herabwallende Goldhaar und ihre schmalen Hände bewundern. Allen Mädchen und Frauen der Stadt galt sie als das Muster der Schönheit, des Fleißes und der Sittsamkeit. Viele junge Männer, darunter die angesehensten Bürgersöhne der Stadt, hatten sie längst umworben. Aber sie waren alle von ihr abgewiesen worden, obwohl sie keine Eltern mehr hatte und ihr Hauswesen nur von einer alten Dienerin betreut wurde. Sie gab immer an, dass sie sich und ihren Eltern feierlich gelobt hatte, ihr ganzes Leben lang ehelos zu bleiben, und dass sie dieses Gelübde auch halten wolle, so lange sie lebe.
Dafür lobte man sie mehr als eine Nonne, die hinter Klostermauern sicher saß; man verehrte sie geradezu als eine Heilige, die sich inmitten einer feindlichen Welt allen Angriffen zum Trotz ein unschuldiges, reines Herz bewahrte.
Weh ihr, hätte man gewusst, welch großes Geheimnis sie hatte. Wenn ihre alte Dienerin sie zu Bett gebracht und alles Licht im Hause gelöscht hatte, dann stand die Schöne heimlich auf und verließ, nur leicht in ein buntes Gewand gekleidet, ihr Schlafgemach und ihr Haus durch eine Tür, die niemand kannte. Sie huschte durch eine schadhafte Stelle in der alten Stadtmauer hinaus ins Freie.
Dort, wo im Busch jeden Abend die Nachtigall so süß flötete, wartete heute der schmucke Jägerbursche vom Schloss. Mit ihm war sie zusammen, bis der erste Hahnenschrei den nahenden Morgen verkündete. Und wenn die alte Dienerin sie zur gewohnten Stunde durch sanftes Klopfen an der Kammertür weckte, dann stand sie fröhlich auf und ging an ihr Tagewerk. Sechs Nächte der Woche verbrachte sie außerhalb des Hauses, und sechs verschiedene Gesellen erwarteten sie regelmäßig. Den Sonntag aber verlebte sie in stiller Andacht im Gotteshaus, bete viel und beschenkte die Armen der Stadt reichlich. So gingen viele, viele Jahre dahin, und immer führte sie dies furchtbare Doppelleben. Aber einmal wurde ihr ein böser Unglücksfall zum Verhängnis. Als sie wieder einmal gegen Morgen durch das Loch inder Mauer schlüpfte, glitt ihr Fuß auf dem Geröll aus, und sie brach sich den Knöchel. Mühsam und unter großen Schmerzen schleppte sie sich noch bis zu ihrem Haus. Aber vor der verborgenen Tür brach sie erschöpft zusammen. In diesem hilflosen Zustand fand sie der alte Stadtwächter, der die letzte Runde ging. Er schlug Lärm mit lautem „Hallo!“ und „Mordio!“ Denn er hatte keine Ahnung von dem, was sich hier alles abgespielt hatte. Aber nun erfuhr die ganze Stadt von den nächtlichen Umgängen der Holden, die zur Unholdin geworden war. Die tiefe Verehrung, die man für sie im Herzen getragen hatte, wich einem glühenden Hass. Als sie wieder gesund war, schleppte man sie vor das Stadtgericht. Nach peinlichem Verhör verurteilte man sie dazu, die Stadtmauer und das Niedertor neu aufbauen zu lassen. Ihr zur Schande, anderen zur Warnung, musste sie ihren Kopf und den ihrer heimlichem Liebhaber in Stein hauen und zu beiden Seiten des Torbogens und darüber anbringen lassen. Drei dieser Köpfe sind heute noch erhalten und in der fensterlosen Giebelwand des Süttingerschen Geschäftshauses am Schlossberg eingemauert.